Kritische Gedanken über das Wachstum

Heute wurde ich im Rahmen meiner Kandidatur mit einem Fragebogen der Welthungerhilfe konfrontiert. Es ging hierbei um die Relevanz der Entwicklungszusammenarbeit und Hungerbekämpfung in der nächsten Legislaturperiode. Messlatte hierbei war die Agenda 2030 der Vereinten Nationen.Meine Antworten finden Sie hier.
Selbstverständlich muss die Entwicklungszusammenarbeit gesteigert werden, denn wenn wir nicht zu den Problemen gehen, kommen die Probleme zu uns.

Bei der Befassung mit dem Text der UN stieß ich mich an dem Absatz

„…9. Wir sehen eine Welt vor uns, in der jedes Land ein dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum genießt und es menschenwürdige Arbeit für alle gibt. Eine Welt, in der die Konsum- und Produktionsmuster und die Nutzung aller natürlichen Ressourcen – von der Luft bis zum Boden, von Flüssen, Seen und Grundwasserleitern bis zu Ozeanen und Meeren –nachhaltig sind…“

Ich frage mich, wie auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen ein „dauerhaftes Wirtschaftswachstum“ möglich sein soll.

Ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum muss zwangsläufig zum Kollaps führen, weil irgendwann die zur Verfügung stehenden und nicht erneuerbaren Ressourcen verbraucht sind. Der Begriff „nachhaltig“ ändert an dem Tatbestand m.E. wenig.

Der Club of Rome hat bereits 1972 eine Studie unter dem Titel »Die Grenzen des Wachstums« veröffentlicht und in 29 Sprachen übersetzt wurde. Diese Studie forderte schon 1972, d.h. schon vor 45 Jahren, von den Industriestaaten eine freiwillige Begrenzung des Wachstums, um der beschleunigten Umweltzerstörung und Erschöpfung der wichtigsten Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas und Eisenerz entgegen zu wirken.

Und dennoch wirtschaften wir Menschen bis heute weiter so, als hätte es diese Erkenntnis nie gegeben.

Wir Menschen zerstören unseren Planeten durch Abholzung der Regenwälder, klimaschädliche Emissionen, die von den Wäldern dieser Erde nicht mehr im notwendigen Maß absorbiert werden können. Wir Menschen verschmutzen die Meere mit unkaputtbaren Plastikmüll und radioaktiven Abwässern und rauben durch leistungsfähige Fangflotten den ortsansässigen Fischern vor den Küsten Afrikas die Lebensgrundlagen.

Wir nutzen die Ressourcen im Übermaß, verschmutzen unsere knapper werdenden Trinkwasservorräte mit Nitrat, Sulfat und Ackergiften – lassen unsere Oberflächengewässer verockern und haushalten so, als ob wir einen zweiten Planeten haben.

An Zahl immer weiter zunehmende extreme Wetterereignisse sind eine Mahnung – und dennoch plakatiert die FDP, dass „Wirtschaftspolitik wieder verfügbar“ sei. 

Wirtschaftspolitik muss nach meinem Verständnis das Ziel haben, gesellschaftliche Entwicklung trotz sinkendem Ressourcenverbrauch zu organisieren. Das „immer mehr“/ „immer reicher“  ist der falsche Weg, aber genau das ist der Weg, der offensichtlich vom konservativen Lager angestrebt wird und als „Wohlstandsmehrung“ betrachtet wird.

Dabei… „Wohlstandsmehrung“ – für wen eigentlich?

Die befristet beschäftigte Verkäuferin Carola Normalo hat außer Kosten wenig von ihrer erhöhten Stromrechnung, wenn ihr die auf die Verbraucher umgelegten Netzdurchleiteentgelte der Industrie übergeholfen werden.

Der Rentner Karl Schmalhans hat nichts davon, wenn die Gebühren des kommunalen Wasserversorgers erhöht werden müssen, um den erhöhten Aufwand für die Entfernung des Nitrates im Trinkwasser zu finanzieren.

Das Einfrieren von arbeitgeberseitigen Beiträgen zur Sozialversicherung bringt den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern außer höheren monatlichen Aufwendungen bei gleichbleibende Gehaltshöhe nichts…

usw., usw… die Reihe der Umverteilung von unten nach oben lässt sich schier endlos fortsetzen. Kumpanei zwischen Politik und Wirtschaft ist kein Ausdruck von Wirtschaftskompetenz!

Wirtschaft sorgt ausschließlich für sich selber, aber nicht für das Gemeinwohl. Der Verzicht des Staates auf ihm zustehende Einnahmen ist nicht gut für das Gemeinwohl, sondern schadet ihm.

Deswegen habe ich leise Zweifel an der Gleichung „…verdient die Wirtschaft genug – egal womit, geht es allen gut, weil dann wächst die Wirtschaft…“ . Diese Gleichung berücksichtigt nicht die Frage des gesellschaftlichen Friedens, knapper werdende Ressourcen und das wachsende Unbehagen in der Bevölkerung an der Ressourcenverteilung.

Wir brauchen einen Staat, der der Wirtschaft Leitplanken vorgibt, an die sich Wirtschaft zu halten hat. Der Einfluss von Lobbyisten gehört massiv zurückgedrängt!

Wir dürfen aber auch nach außen gegenüber den Entwicklungsländern nicht als Prediger von Wasser auftreten und selber den Wein saufen… wir müssen vor der eigenen Haustür kehren und unsere Hausaufgaben machen, sonst können wir nicht überzeugen. Wir brauchen eine faire Zusammenarbeit – nicht das Recht des Stärkeren.
Ohne Überzeugung wird es aber nichts mit der Wahrnehmung von Verantwortung für unseren Planeten auf Seiten der Länder, auf deren Territorien die Regenwälder stehen. Sie wollen verständlicherweise auch ihren Teil vom Kuchen haben und holzen weiter ab – zu unser aller Schaden.

Knapper werdende Ressourcen sind der Stoff, aus dem die Verteilungskämpfe von Morgen gemacht sind. Verteilungskämpfe, bei denen Menschen ihre Köpfe für den Reichtum anderer hinhalten würden.

Was wir brauchen ist eine mutige und andere Politik. Eine Politik, die auch unbequeme Wahrheiten ausspricht und beim Wirtschaften den ganzen Planeten im Blick hat. Die Beschränkung auf den ichzentrierten Bauchnabelblick mit ausschließlich nationaler Perspektive auf das Wachstum hilft der Welt nicht, hilft unserem Land nicht und ist auch nicht zukunftsfähig.
Ein Perpetuum Mobile gibt es nicht!

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