Gesundes Landleben?

Ernährung sollte auf jeden Fall der Gesunderhaltung dienen und nicht krank machen. Dass dem aber so ist, daran kann man Zweifel bekommen.

Um die Fleischerzeugung in industriellem Maßstab betreiben zu können, werden in der Intensivtierhaltung in großem Stil Antibiotika eingesetzt. Nicht nur kranke Tieren erhalten dabei Medikamente, verabreicht, sondern unter dem Deckmantel der „Metaphylaxe“ alle anderen im Stall „vorsorglich“ mit.
Dank verändertem Stoffwechsel dienen Antibiotika der besseren Futterverwertung und dem schnelleren Fleischzuwachs. Diese Praxis ist zwar mittlerweile verboten, aber läuft routinemäßig weiter. Auf der Strecke bleibt die menschliche Gesundheit.

Resistenzbildung

Am 07.04.2011 erschien im SPIEGEL ein Artikel, der die Resistenzbildung von Bakterien zum Gegenstand hatte, welche den Antibiotika ihre Wirkung nimmt.

„…Wir sind an einem kritischen Punkt angelangt, weil die Resistenz gegen vorhandene Antibiotika beispiellose Ausmaße erreicht hat und neue Antibiotika nicht schnell genug bereitgestellt werden können“, sagt die europäische WHO-Chefin Zsuzsanna Jakab. Dass Bakterien unempfindlich gegen Antibiotika werden, ist zwar ein natürlicher Prozess, doch aktuell tragen viele Umstände dazu bei, dass er besonders schnell abläuft. Als Negativbeispiel führt die WHO an, dass Antibiotika in 14 von 21 osteuropäischen Ländern ohne ärztliches Rezept frei verkäuflich sind. Das würden unter anderem Landwirte nutzen, die ihren Tieren Antibiotika vorbeugend verabreichten. In einigen Regionen der Welt wird laut WHO die Hälfte aller produzierten Antibiotika Nutztieren gegeben. Ein weiteres Problem: Viele Ärzte verschreiben die Mittel „leichtfertig und unangemessen“, etwa zur Behandlung von Virusinfekten wie der Grippe – wo sie gar nicht helfen. Auch brechen Patienten die Antibiotika-Einnahme zu früh ab, was die Entwicklung resistenter Bakterien fördert….“

Wanderung der Pharmazeutika im Naturkreislauf

Foschungsergebnisse, die 2012 veröffentlicht wurden, legen die Annahme nahe, dass Antibiotika offensichtlich auch in der Lage sind zu wandern – die Schranken zwischen Tier und Pflanze zu überwinden. Kornpflanzen, die in einer mit Antibiotika versetzten Hydrokultur gezogen wurden, wiesen bei der späteren Analyse Spuren der Antibiotika auf.

Hieraus folgt aber, dass Tierdung, der auf Felder gebracht wird und Spuren des Arzneimittels enthält, über den Weg der Pflanzen Antibiotika-Spuren in die Nahrung einbringen könnte. Ich wähle bewusst den Konjunktiv, weil dieser Tatbestand sicherlich noch weitere Untersuchungen nach sich ziehen sollte.

Diese Forschungsergebnisse stehen im Einklang mit einer Veröffentlichung der Uni Karlsruhe, die 2002 das geochemische Verhalten von Arzneimitteln in der Umwelt untersuchte und hierbei auch auf die lange Haltbarkeit der Wirkstoffe in freier Natur hinwies:

„…Darüber hinaus sind vor allem Antibiotika, die auch in der Landwirtschaft eingesetzt werden (Tetracycline, Sulfonamide), im Grundwasser nachgewiesen worden (Meyer et al. 2000). Die Autoren führen die Einträge in das Grundwasser auf versickerte Gülle zurück, da in der Gülle die gleichen Antibiotika gefunden wurden. Als Haupteintragsmedium für den Boden kann bei der landwirtschaftlichen Tierproduktion die Gülle angesehen werden. Hugenroth (1997) und Langhammer (1989) konnten zeigen, dass das Antibiotikum Sulfadimidin noch nach 11 Wochen mit 90 % der ursprünglichen Menge in der Gülle vorhanden war. In der Gülle von Mastschweinen in Niedersachsen werden Konzentrationen von ca. 20 mg/kg für die Tetrazyklone gefunden. Bei Ausbringung dieser Gülle nach den in der Dünge-Verordnung zulässigen Mengen errechnen sich theoretisch worst-case-Konzentration im Boden von 0,9 –2,1 mg/kg je nach Einarbeitungstiefe (KRATZ ET AL., 2000/6)…“

Schlussfolgerungen

Uns Menschen können die verabreichten Antibiotika nicht nur über das Fleisch auf den Teller kommen, wie die Grüne Bundestagsfraktion im Rahmen eines größer angelegten Tests im Jahr 2014 nachwies, sondern auch auf dem Weg der Düngung mit Gülle über den Boden in die Nahrungspflanzen und durch Überdüngung verursacht letztlich auch durch Eintritt in das Grundwasser und damit zusätzlich auch in die Trinkwasseraufbereitung.

Damit ist die Warnung vor der massenhaften Anwendung von Antibiotika in der Tierzucht offensichtlich keine Schwarzmalerei. Es muss nicht nur der fachlich einwandfreien Verschreibungspraxis von Antibiotika Aufmerksamkeit geschenkt werden, sondern auch den Arzneimittelrückständen in der Gülle bei der Düngung von Nahrungspflanzen.

Hieraus folgt für mich zweierlei:

  • Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht muss im Interesse der Menschen ein Ende haben.
  • Die Düngung mit Arzneimittelrückständen belasteter Gülle von Pflanzen, die der tierischen oder menschlichen Ernährung dienen, sollte beendet werden. Diese Arzneimittelrückstände machen aus Dünger in der Konsequenz Sondermüll.

Aus der Umsetzung dieser Forderung folgt dann natürlich ein schlagartiges Anwachsen der zu entsorgenden Güllemengen – je größer der Viehbestand, umso größer auch die Mengen an entstehenden Entsorgungsproblemen.
Und damit wären wir wiederum bei einem weiteren – wirtschaftlichen – Argument gegen die Massentierhaltung angelangt. Ohne Massentierhaltung keine massenhafte Anwendung von Antibiotika und damit keine Folgeprobleme.

Umsatzinteressen der Pharmaindustrie sind nachrangig zu gewichten

Das überragende wirtschaftliche Interesse der Pharmaindustrie am massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft darf keinen Vorrang vor der Gesundheit der Menschen haben und technische Lösungen zur Lösung von Problemen sind immer aufwendiger und unvollkommener, als Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen.

Deswegen bin ich ein großer Freund des Vorsorgeprinzips.