Preis versus Gesundheit – wie erwirtschaftet man eine ausreichende Marge

Sind billige, aber qualitätsgeminderte Lebensmittel tatsächlich eine soziale Errungenschaft?

Sind Lohndrückerei und umweltschädliche Produktionsformen als Folgen des Margendrucks in der Wertschöpfungs- und Handelskette von Lebensmitteln tatsächlich sozial?

Ist es sinnvoll, verderbliche Lebensmittel über Kontinente hinweg zu transportieren, wenn hier frischere Alternativen zur Verfügung stehen?

Wie viel wird beim Erzeuger pro Ort wohl noch ankommen, wenn die in der Ferne produzierten Lebensmittel inkl. der einkalkulierten Kosten für den langen Transport immer noch billiger im Regal stehen, als die regionale Alternative?

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Ein Produzent und Kaufmann hat zwei Stellschrauben, um auf seine erforderliche Marge nach Kosten zu kommen – das sind die Pole Umsatz und Preis, weil die Kosten nur bedingt selbst gesteuert werden können.

Wenn der Preis nicht stimmt, muss die Marge aus der umgesetzten Menge erwirtschaftet werden. Damit steigt der Produktionsaufwand und damit die Kosten. Kann die erforderliche Menge nicht mehr mit einem vertretbaren Aufwand produziert werden, muss der Preis steigen, damit am Ende etwas hängenbleibt.

Im Lebenshandel herrscht infolge der Konkurrenzsituation und Länge der Handelsketten ein brutaler Preis- und Margendruck. An der Ladenkasse heißt es „Geiz ist geil“ und Woche für Woche sind die Anzeigenblätter voll von Beilagen mit Sonderangeboten.
Sonderangebote müssen erwirtschaftet werden, wenn der Handel nicht draufzahlen will. Es gibt nichts umsonst… und wer hilft seine Lasten nicht gerne anderen über?

Der Preisdruck wird an die Erzeuger/ Großhändler durchgereicht. Beim Erzeuger ist die Kette zuende. Er muss schauen, wie er mit den Preisen klarkommt.

Was in der Produktion wirtschaftlich „vertretbar“ ist, muss noch lange nicht aus Umweltgesichtspunkten vertretbar sein, nur hat man es da mit zwei verschiedenen Kostenträgern zu tun.
Die wirtschaftliche Vertretbarkeit findet auf dem Konto des Erzeugers statt, die Umweltverträglichkeit wirkt sich dagegen am Ende im Steuersäckel negativ aus, wenn Schäden zu beseitigen sind und der Verursacher nicht mehr in Regress genommen werden kann. Das bedeutet, dass es aus wirtschaftlicher Sicht vorteilhaft ist, es mit den Umweltstandards nicht so genau zu nehmen und umgekehrt, dass hohe Umweltstandards in der Produktion die Kosten für die Erzeugung der Ware steigen lassen. 

Bei der Herstellung eines hier beispielhaft genannten Hähnchens wird heute infolge des vom Handel ausgehenden Preisdrucks um Hundertstel Cent gerungen. Der Gewinn pro Tier ist derart niedrig, dass praktisch nur Geld verdient werden kann, wenn Zehntausende Hühner parallel großgezogen, via Fließband getötet und anschließend auseinander genommen werden. Männliche Küken werden massenhaft geshreddert, weil ihre „nutzlose“ Aufzucht die geringe Marge noch mehr zu reduzieren droht usw.

In der Folge dieser Form der massenhaften Tier-Produktion treten dann die umweltschädlichen Probleme der Massentierhaltung auf, die ich an anderer Stelle beschrieben habe. Es treten soziale Probleme mit der Dumping-Entlohnung von Schlachtern auf und am Ende der Kette steht ein fragwürdiges Produkt im Regal des Handels.

Ich habe deutliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Billigheimer-Wirtschaft. Billigster Preis und hohe Qualität sind zwei Pole, die sich gegenseitig ausschließen müssen.

Wenn der Erzeuger von seiner Produktion nicht leben kann, wird sie irgendwann eingestellt werden. Das Höfesterben ist Realität.

Meine Frau und ich haben unsere Konsequenz daraus gezogen. Wir schauen beim privaten Einkauf eben nicht nur nach dem billigsten Preis, sondern orientieren uns an der Qualität und für uns ethisch vertretbaren Kriterien. Dazu gehört für uns auch eine faire Entlohnung der Erzeuger.

Wir kaufen deswegen kein Billig-Hähnchen aus der untersten Kühlregal-Schublade, sondern lieber nur ein halbes aus dem Bio-Regal, welches dafür auch mal mehr kosten darf. Wenn es das nicht gibt, müssen wir eben was anderes essen.

Wir kaufen keine Billig-Eier aus „Bodenhaltung“, sondern teurere Eier aus Aufzuchten, bei denen die männlichen Küken eben nicht im Shredder landen.

Wir kaufen keine Billig-Wurst, sondern achten auch da auf höhere Qualität und Mettwurst kommt uns so gut wir gar nicht mehr ins Haus. Fertiggerichte meiden wir, wenn es immer möglich ist, weil wir keinen Einfluss/ Einblick in die Qualität der verarbeiten Rohware haben und diese Billigprodukte nicht durch die Hintertür doch auf den Teller  bekommen wollen.

Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass das „unser“ individueller Weg ist, als Verbraucher mit diesen Fragen umzugehen. Es ist die Handlungsoption, die meine Frau und ich sehen, um als Verbraucher mit unseren bescheidenen Möglichkeiten zu wirken und am Kühlregal abzustimmen. Andere Menschen – insbesondere einkommensschwächere Haushalte – können/ werden das sicherlich ganz anders sehen und werden in der Konsequenz dann auch anders handeln.

Dennoch werbe ich für unsere Position, denn die notwendigen Verbesserungen der Margen in der Landwirtschaft müssen durch Nachfrage nach den entsprechenden Produkten wirtschaftlich ermöglicht werden. Nur wenn genügend Verbraucher unseren Weg mitgehen und Nachfrage nach höherwertigen Produkten generieren, bekommt der Handel den Druck, der erforderlich ist, um Veränderungen zum Positiven vorzunehmen.

Und… teurere Lebensmittel sind kein Skandal. Der eigentliche Skandal liegt daran, dass es in unserem Land Menschen gibt, die so wenig Einkommen zur Verfügung haben, dass sie sich preislich angemessene Lebensmittel nicht leisten können!
Das ist eine der wichtigen Stellschrauben, an der Politik drehen kann und muss.