Vor dem Abend hatte ich am meisten Respekt

In der Aula des Prenzlauer Scherpf-Gymnasiums fand gestern Abend eine Podiumsdiskussion in leichter Sprache statt. Zielgruppe waren Menschen mit Behinderungenn Analphabeten, bildungsferne Menschen und ausländische Mitbürger. Eingeladen hatte die Kreisvolkshochschule Prenzlau und die Bürgerstiftung Barnim-Uckermark. Mich bewegte die Frage, wie es gelingen kann, komplexe zusammenhänge so herunter zu brechen, dass die Zielgruppe es versteht. Jeder hat seinen gewohnten Sprachgebrauch und kann nicht aus seiner Haut. Aber es ging erstaunlich gut.

Die Organisatoren haben auch eine Übersetzerin für leichter Sprache engagiert, die bei komplexeren Sachverhalten hilfreich einsprang. Moderiert wurde das Ganze von der freien Journalistin Katja Geulen.

Das Ganze war auch für die Veranstalter ein Experiment und es war trotz aller Werbemaßnahmen völlig unklar, ob überhaupt Menschen von der Zielgruppe kommen würden. Ja – es kamen drei Frauen und zwei Menschen mit Migrationshintergrund.

Die Diskussion wurde wieder ein Schlagabtausch zwischen den Blöcken rot-rot-grün und schwarz-blau-gelb. Hitzig wurde die Debatte bei Fragen der Zuwanderung und Sozialleistungen. Dabei wurde deutlich, dass CDU und FDP mit ihrer Politik fast ausschließlich die Besitzenden, denen es gut geht, im Blick haben und der untere Rand der Gesellschaft schlicht belanglos ist. Die Schönfärberei der Verhältnisse von Jens Koeppen war teilweise nur schwer erträglich. Er verwies die Frage des Mindestlohns auf die Tarifpartner und ging auf die Phänomene der Tarifflucht und herabsetzen von Stunden, um den Mindestlohn zu unterlaufen gar nicht ein. Dafür verwies er stereotyp auf die Kosten für die Unternehmen, die man nicht überfordern dürfe. Er pries die Arbeitsmarktgesetzgebung der CDU mit Lohnzuschüssen für die Arbeitgeber, die damit die Einstellung von Langzeitarbeitslosen finanzieren können, ohne auf den Vorhalt einzugehen, dass damit letztlich nur missbräuchliche Möglichkeiten geschaffen wurden, die Lohnkosten zu senken.

Laura Schieritz von der FDP sang das hohe Lied von der Selbstbestimung des Menschen, ohne darauf einzugehen, dass es Menschen gibt, welche diese Selbstbestimmung gar nicht wahrnehmen können.

Bei der Frage der Geflüchteten pochten Koeppen und John auf die Einhaltung der von der GroKo verschärften Gesetze und hielten Andreas Büttner (LINKE) und mir vor, wir hätten keine Ahnung. Es wurde ihrerseits überhaupt keine Differenzierung vorgenommen und auf das prinzip der sicheren herkunftsstaaten gepocht. Afghanistan sei sicher – eine falsche Behauptung, die mich höchst ärgerlich machte
Ich konterte diesen Vorhalt sinngemäß damit, dass wir nicht gewählt werden wollen, um den Status Quo zu verwalten, sondern um Gesetze zu verbessern. Und die Flüchtlingsabwehr-Gesetze der GroKo, die unsere humanitären Werte verletzen, gehören mit Sicherheit auf die Agenda. Im Übrigen hielten Andreas Büttner und ich Jens Koeppen vor, dass unsere Art des Wirtschaftens und Ausbeutung der Entwicklungsländer Fluchtbewegungen geradezu erzeugen.

Ich kann sehr gut damit leben, dass Herr Koeppen (CDU) sich nach der Diskussion beim Gehen demonstrativ nur bei der Konkurrenz von AfD und FDP, sowie bei den Moderatorin und der Übersetzerin verabschiedete, nicht jedoch bei uns dreien von SPD, LINKEN und GRÜNEN. Das sagt mehr über ihn, als über uns aus. Wir haben offenbar vieles richtig gemacht.

Richtig gefreut habe ich mich dagegen darüber, dass eine ärmlich gekleidete Frau aus der Zielgruppe der Veranstaltung nach der Veranstaltung meinen Rat suchte und mir für meine Widerrede gegen den Rassismus der AfD dankte. Ich denke, ich konnte ihr mit dem Rat, das ihr gar nicht bekannte Wohngeld zu beantragen und sich von Sozialarbeitern des Landkreises dabei helfen zu lassen, helfen. Sie zeigte mir jedenfalls ihre Dankbarkeit.

Die ärmlich gekleidete Frau berichtete mir von einer mit ihr bekannten anständigen afghanischen Familie, die sich viel Mühe gab, hier Fuß zu fassen und abgeschoben wurde. Die Frau empfand das als nicht fair.

Ebenso dankten mir zwei arabisch sprechende Männer in gebrochenem Deutsch für meinen Einsatz für Geflüchtete. Sie hatten der Veranstaltung die ganze Zeit beigewohnt und sicherlich nicht alles, aber doch einiges verstanden.

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